" Hier gibts Rosenwasser: Juni 2011

Auf ein Wort Herr Neumeier

Ich möchte mich jetzt hier zu keiner verspäteten Filmkritik hinreißen lassen, lediglich nochmal kurz ins innere Zwiegespräch mit John Neumeier treten, an dessen Beanstandung zum Film ich immer wieder denken musste, währendessen ich mir diesen kürzlich auch angeschaut habe.

Meine Verehrung ist ihm gewiss, auch wenn ich noch nicht nachvollziehen kann, was einen so klugen Mann dazu bewegt hat, solch eine verzerrte und einseitige Meinung zu diesem Film abzugeben, was ich wiederum sehr schade finde, denn er müsste es eigentlich besser wissen.
Aber wer sich sein Leben lang dieser Kunst mit aller Leidenschaft und Hingabe verpflichtet hat, kann vielleicht irgendwann nicht mehr umher gewisse Dinge auszublenden, solche Dinge eben, die einen an der Künstlerehre packen und rütteln und auch unangenehm sein können, wenn man sich mit ihnen befassen möchte.
Es geht ja nicht darum ein Metier anzugreifen oder gar zu beschmutzen, sondern vielmehr darum auch einmal die Kehrseite der Medaille aufzuzeigen. Wer jahrelang hinter die Kulissen des Ballett schauen konnte, weiss zwangsläufig dass es diese gibt, auch wenn es sich um keine typische aber doch zumindest vermehrt vorkommende Realität handelt.

Dass Portman eigentlich beruflich als Schauspielerin fungiert und dass es in der Kernaussage des Filmes mit Sicherheit um ganz anderes geht als um das perfekt ausgeführte Plié und die exakte Bein,- und Fußarbeit - geschenkt.
Bühnentänzer sollen von mir aus über Portmans künstlerische Darstellung die Nase rümpfen. Das hätten sie vermutlich in jedem Fall getan, es sei denn Anna Pawlowa hätte in der Rolle höchst persönlich geglänzt. Dass man diese Welt aber auch einmal in dieser "negativen" Art gezeigt hat, halte ich keinesfalls für überzogen, ausgedacht und reines Klischee.
Ballett ist nämlich nicht nur rosa Tüllröckchen und Spitzenschuhe, sondern es ist Leistungsdruck und Konkurrenzdruck. Von der ersten bis zur letzten Minute. Ganz wirklich.
Der stete Erfolgsdruck es ganz nach oben zu schaffen, um dann nicht überholt und ausgetauscht zu werden. Immer und immer wieder.
Das ist unter anderem das, was man als Zuschauer bei einer Aufführung nicht zu sehen bekommt auf der Bühne.

Aber gut. Von nichts kommt ja bekanntlich nichts.
Wo man sägt, dort fallen Späne und die kotzenden Mädchen auf den Toiletten sind leider überhaupt kein Ammenmärchen genauso wenig wie diese Dozenten, die es schaffen mit bewusster Handlungs,- und Verhaltensweise noch mehr Druck auszuüben als er ohnehin schon existiert.
Was zählt ist nämlich einzig die Solistenspitze, in der Gruppe ist man einfach weniger wert. Dann hat man es einfach nicht geschafft. Dann kann man eigentlich auch gleich Brötchen verkaufen gehen. (Glaubt ihr nicht? Ist aber leider so.)
Dazu der richtige Familienhintergrund: das behütete Elternhaus und überzogene Engagement dieser zugleich.

All das sind keinesfalls reine Hollywood Fantasien, auch wenn der Film einiges stilistisch mit Horrorelementen überzieht.
Das junge Menschen unter all dem zerbrechen können darf wirklich nicht groß verwunderlich sein und sollte in dieser Branche eher einmal zum denken und umdenken anregen als zum negieren!

Wenn dieser Film nicht deutlich gemacht hat, was für eine große Lücke zuweilen zwischen dieser anmutigen, bezaubernden Kunst und dem psychischen Leistungsdruck klafft, dann sollte man den Film vielleicht einfach noch einmal anschauen, dieses mal aber dabei die Augen offen behalten.
Du bist Wesen, ich bin Raum,
du die Frucht und ich der Baum.
Kind in deine ersten Lüste
senke ich meinen braunen Brüste
und mein Bild in deinen ersten Traum.

[Albrecht Goes]

Willkommen Leben



Auch wenn ich noch nicht weiss, was da alles auf mich zukommen kann und wird, aber dass du uns bereits jetzt schon so schön zugewunken hast, das finde ich richtig dufte von dir!